Lesen kann Rückzug sein. Aber bei Katja Tippelt-Kairies ist es noch viel mehr: Verbindung, Haltung, Lebensfreude und ein Weg, andere Menschen für Literatur zu gewinnen. Schon als Kind zog es sie mit Beuteln voller Bücher aus der Dorfbibliothek nach Hause. Heute trägt sie diese Begeisterung weiter und nutzt ihre Reichweite auch, um den lokalen Buchhandel sichtbar zu stärken.
Ihre Beiträge entstehen nicht aus Algorithmusdenken, sondern aus echter Leselust. Wenn ein Buch sie trifft, muss die Begeisterung raus. Wenn eine Geschichte nicht zu ihr spricht, bleibt sie lieber still statt künstlich kritisch zu werden. Im Interview erzählt Katja Tippelt-Kairies, warum Literatur wehtun und wärmen darf, weshalb sie Bücher konsequent abbricht und wie aus Bookstagram auch echte Lesungen im Theater entstehen.
Katja Tippelt-Kairies im Interview
Wann hast du angefangen zu lesen und wann wurde daraus mehr als nur ein Hobby?
Zu meinem großen Glück habe ich meine Kindertage bei meinen Großeltern und nicht im Kindergarten verbracht. Mein Urgroßvater hat mir jeden Tag Geschichten erzählt und mir, da bin ich mir sicher, damit die Liebe für Geschichten in mein Kinderherz gepflanzt.
Kaum das ich mit 6 Jahren lesen konnte, bin ich in unsere Dorfbibliothek marschiert und habe mir beutelweise Bücher ausgeliehen. Jedes Mal fragte mich die Bibliothekarin, ob ich mir sicher sei, all das lesen zu wollen. Und wie ich das war.
Das Lesen war von Beginn an ein fundamentaler Teil meines Lebens und ist es bis heute geblieben. Ich weiß gar nicht, wer ich ohne das Lesen wäre.
Vor zwölf Jahren, als ich im Krankenhaus auf die Geburt meines dritten Kindes wartete, habe ich „Winter in Maine“ gelesen und hatte Redebedarf. So bin ich auf Instagram gelandet. Erst war ich stille Mitleserin, nach und nach traute ich mich selbst aktiv zu werden ohne zu wissen, wohin die Reise geht.
So hat sich das Bloggen über Bücher, ausschließlich auf Instagram, zu einem festen Teil meiner Freizeit entwickelt, den ich nicht mehr missen möchte.
Gibt es ein Buch, das dich besonders geprägt hat oder dich „in die Bücherwelt gezogen“ hat?
Als Kind waren das die Bücher von Alexander Wolkow – ich erinnere mich noch genau an dieses Gefühl und den Wunsch, Teil dieser Welt sein zu dürfen.
Das erste Buch im jungen Erwachsenenalter, ich war 18, was mich hat die wahre Größe von Literatur erfassen lassen war „Drei Kameraden“ von Remarque. Dann kamen solche Bücher wie „Die Musik der Wale“, „Die geheime Geschichte“ und „Gottes Werk und Teufels Beitrag“.
Wie wählst du deine Bücher aus – eher spontan wegen Cover, Klappentext oder Empfehlungen?
Ich stöbere durch Vorschauen, lasse mich durch andere lesebegeisterte auf Instagram und natürlich durch meine Buchhändler inspirieren. Es gibt auf Instagram ein paar Buchmenschen, deren Empfehlungen ich nahezu blind vertraue. Natürlich ziehen mich Cover an, ohne Frage, sie sind aber nicht entscheidend.
Obwohl – ehrlicherweise habe ich vielleicht auch schon Bücher gekauft, weil mich das Cover so angezogen hat und andererseits kann es auch passieren, dass ein Cover so gar nicht zum Lesen einlädt. So paradox das ist, geht es schließlich um den Inhalt. Von Autor:innen, die ich mag, lese ich im Prinzip alles.
Welche Genres oder Themen ziehen dich immer wieder an? Gibt es auch Dinge, die du bewusst meidest?
Am meisten zieht es mich zu Büchern bei welchen ich spüre, die werden mich ein wenig auf links drehen, mein Bewusstsein verändern, mich fordern, mich mehr über uns Menschen und unsere tiefen und hellen Momente begreifen lassen. Bücher dürfen, sollen mir weh tun, mich spüren lassen.
Allerdings bin ich in den letzten Jahren sanfter mit mir geworden und lese nun auch gern Fantasy, Romance, Romantasy – das war vor Jahren noch undenkbar für mich und ehrlich? Ich liebe es. Diese Vielfältigkeit schenkt mir so viel Freude.
Ich lese nur sehr selten Krimis, keine Thriller und keine Ratgeber oder Sachbücher. Grundsätzlich bin ich aber sehr offen und bereit mich überraschen zu lassen.
Liest du jedes Buch bis zum Ende oder brichst du auch mal eines ab? Wenn ja, wann entscheidest du das?
Ich habe irgendwann für mich entschieden, konsequent abzubrechen. Das konnte ich früher überhaupt nicht, habe mich dabei schlecht gefühlt, als würde ich damit die Autor:innen beleidigen. Irgendwann habe ich entschieden: meine Freizeit, mein Lesegeschmack. Der kann eben nicht alles abdecken.
Da kann ein Buch noch so wichtig und beliebt sein, es muss noch lange nicht zu mir sprechen. Das Abbrechen ist dabei individuell. Manchmal breche ich bereits nach 20 Seiten ab, weil ich merke, weder Thema noch Ton noch literarische Umsetzung schmecken mir. Manchmal passiert das auch nach 2/3 des Buches.
Wichtig ist für mich, ich muss mich immer auf das Weiterlesen freuen. Wenn dieses Gefühl nicht mehr in mir vorhanden ist, dann lege ich das Buch weg und freue mich auf eine andere Geschichte, die mich trägt. Es ist so schade, sich durch zu quälen und ich glaube, das trägt auch dazu bei, dass andere irgendwann keine Lust mehr zum Lesen haben und sich in ihrer Freizeit anderen Dingen zuwenden.
Also Lesen, was glücklich macht!
Welche Autor:innen hast du zuletzt neu entdeckt und was begeistert dich an ihnen?
Ich habe gerade einige richtig großartige literarische Debüts gelesen. Zuletzt war das „Keine Liebe ohne Sommer“ von Timothy Paul, „Pause“ von Lena Kupke oder auch „Little Hollywood“ von Inga Hanka.
Immer ist es neben einer Geschichte, über die ich lesen möchte, die Sprache, die mich hinein trägt. Geschichten über Familien, das Leben, Trauer, Liebe in all ihren Formen – eben auch weg von der rein romantischen Liebe – sind es, die mich begeistern.
Wie und warum hast du deinen Bookstagram-Account gestartet?
Es war dieser Wunsch nach Austausch.
Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich einfach, außer meinen Buchhändlern, niemand, um mich über Literatur auszutauschen. Wenn man so viel liest und keiner deiner Freunde oder Familie, dann fehlt da manchmal jemand, um diese sprudelnden Gedanken irgendwo ankommen zu lassen.
Geplant, selbst mit Beiträgen aktiv zu werden, war nie. Das entstand nach und nach. Als ich gespiegelt bekam, dass ich viele Menschen zurück oder überhaupt erst zum Lesen gebracht habe, ihnen die Freude am Buch schenken konnte, war das letztlich der Motor weiterzumachen.
Mir geht es immer darum, Freude an Literatur und deren Kraft zu vermitteln und vor allem auch den lokalen Buchhandel zu stärken. Das versuche ich auf vielfältige Art und Weise und kann da eben auch meine Reichweite nutzen.
Für die Lesungen in unserem Theater, die ich in meinem Job organisiere oder Veranstaltungen in der Buchhandlung meines Vertrauens, wie unsere neue BuchBAR Veranstaltungsreihe.
Wie hat Bookstagram deine eigenen Lesegewohnheiten verändert?
Oh sehr…hatte ich früher immer nur maximal 5 ungelesene Bücher im Regal, bevor ich wieder in die Buchhandlung marschiert bin um mich beraten zu lassen, wollen wir jetzt mal lieber nicht über die noch ungelesenen Bücher in meinem Regal reden.
Der größte Gewinn ist für mich, dass ich nun noch viel breiter lese, so viel Literatur entdeckt habe die zu mir passt und vor allem auch so viele wunderbare Autor:innen und Menschen der Buchbranche kennenlernen durfte, was auch meine Arbeit sehr bereichert.
Ich bin Theaterleiterin von unserem Theater Crimmitschau und organisiere hier gemeinsam mit der Buchhandlung am Rathaus in Crimmitschau, der Buchhandlung meines Vertrauens, bei uns im Theater auch Buchlesungen. Durch den persönlichen Kontakt zu vielen von mir geschätzten Autor:innen kann ich unseren Gästen so viele großartige Lesungen anbieten.
Was macht für dich einen Account wirklich interessant – was bringt dich dazu, jemandem zu folgen?
Das ist eigentlich ganz einfach: Individualität und Authentizität. Ich möchte den Menschen hinter dem Account spüren, um Vertrauen aufbauen zu können.
Was bringt dich dazu, ein Buch sofort kaufen oder lesen zu wollen?
Wenn bestimmte Menschen der Buchbranche, die auch auf Instagram aktiv sind wie beispielsweise Frank Menden, Pia Buechle, Maria-Christina Piwowarski, Simone Finkenwirth oder Regina Denk sagen: das ist ein phantastisches Buch, dann gehe ich direkt los. Oder wenn meine Buchhändlerin das sagt oder meine Schwester.
Auf jeden Fall lasse ich alles stehen und liegen, wenn Lieblingsautor:innen ein neues Buch veröffentlichen, dann ist da so ein unstillbares Verlangen in mir, da ist Warten keine Option.
Was überzeugt dich, ein Buch aktiv weiterzuempfehlen oder darüber Content zu machen?
Ich handhabe das immer so, dass ich nahezu über jedes Buch, welches ich komplett gehört oder gelesen habe, einen Beitrag mache. Denn habe ich es beendet, hat es mir mindestens gut gefallen und verdient in meiner Welt einen Beitrag. Niemals gibt es negative Besprechungen. Mochte ich es nicht, zeige ich es nicht.
Meine Philosophie ist: ich möchte Lust auf Bücher machen, die ich aus ehrlichem Herzen empfehlen kann. Wir sollten unsere Zeit generell mehr mit Positivem verbringen und nicht so viel meckern, es gibt schon zu viel Negatives, dem wir ausgesetzt sind. Meine Reichweite möchte ich gut nutzen.
Ich habe nicht das Gefühl, dass es mir zusteht, mich schlecht über Bücher zu äußern, denn vielleicht ist es ja genau richtig für den Nächsten. Da saß doch jemand, hat geschrieben, vielleicht über Jahre und ich bügel das weg, nur weil es nicht meinen Geschmack trifft, ich es vielleicht einfach nicht verstanden habe? Das finde ich unanständig.
Hat mich das Buch richtig derb umgehauen, halte ich es gefühlt dauernd in die Kamera, weil die Begeisterung dann raus muss. Dann gibt es neben dem Post zum Buch auch Stories, vielleicht noch ein paar Quotes, das ist dann eher so ein Bauchgefühl, was und wie ich darüber berichte.
So funktioniert generell meine Seite, ich lasse mich vollständig von dem leiten, was da an Kreativität raus will. Ich achte nicht auf Algorithmen, dafür habe ich tatsächlich auch gar keine Zeit, da ich ja mit drei Kindern allein und voll berufstätig bin, Instagram nur ein wundervolles aber eben auch zeitaufwändiges Hobby.
Das muss einfach mit meinem Zeitmanagement passen und nicht mit irgendeinem Algorithmus, der mir vielleicht mehr Aufmerksamkeit, mehr Reichweite, what ever, bringen würde. Davon möchte ich mich nicht abhängig machen sondern nur von dem, was irgendwie raus möchte an Begeisterung.
Welche Art von Kooperationen mit Autor:innen oder Verlagen findest du spannend und welche eher nicht?
Es ist natürlich ein großes Geschenk, Leseexemplare zu bekommen, auf der Buchmesse zu Veranstaltungen eingeladen zu werden. Aber auch hier gilt, ich berichte nach dem Lesen oder Hören nur, wenn mir ein Buch gefällt.
Es ist völlig egal, ob das Rezensionsexemplar mit einer wunderschönen Bloggerbox zu mir kam, wenn mich das Buch nicht abholt, gibt es keine Besprechung. Ich möchte für meine Follower immer ehrlich bleiben.
Ich zeige alle Bücher, die den Weg zu mir finden, besprochen allerdings werden eben nur jene, die ich aufgrund meiner individuellen Leseerfahrung weiterempfehlen kann. Manchmal gibt es dazu ganz phantastische Einladungen zu Verlagen oder Veranstaltungen.
Da ich selbst im Veranstaltungsbereich tätig bin und eben auch über nicht wirklich so viel Freizeit verfüge, kann ich nur selten dabei sein. Wenn, ist das jedoch eine besondere Erfahrung. So war ich vor drei Jahren bei Alexa Hennig von Lange zur Vorstellung ihres Kochbuches zuhause in ihrer Küche, zum Kochen mit ein paar anderen Bloggern und Journalisten.
Der Dumont Verlag hat mir damit ein so großes unbezahlbares Geschenk gemacht, denn mit Alexa habe ich nun eine ganz besondere Verbindung.
Was ist der ungewöhnlichste Ort, an dem du jemals gelesen hast?
Was für eine spannende Frage…Lesen kann ich nahezu überall. Vor ein paar Jahren war ich mit meinen drei Kindern zur Kur. Am Abend gab es im Aufenthaltsraum eine Fernsehzeit mit Trickfilmen für die Kinder und Mütter. Also viele laute Kinder, viele ins Gespräch vertiefte Mütter und ich lesend dazwischen.
Der ungewöhnlichste Ort für ein Hörbuch war vielleicht im Kino mit meinen Kindern. Ich schaue ja überhaupt nicht fern, gehe freilich mit den Kindern ins Kino, wenn sie es sich wünsche. Nun holt mich ehrlicherweise jetzt nicht jeder Trickfilm ab. Da hör ich schon auch mal ein Hörbuch weiter.
Wenn du selbst ein Buch schreiben würdest – worum würde es gehen?
Den Wunsch, selbst zu schreiben, habe ich noch nie verspürt. Ich bin eine viel zu famose Leserin, das wäre ja verschwendetes Talent.
Mehr von Katja Tippelt-Kairies gibt es auf Instagram.
Dort teilt sie echte Lesefreude, starke Buchempfehlungen und ihre Liebe zum lokalen Buchhandel.














